Taikai-Gedanken

Setzt die Segel!

Taikai Gedanken

»... und denkt daran, setzt die Segel! Gute Heimfahrt! Danke für die Übung!«

»Wäre ein Karateka ein Segler, dann wäre seine Einstellung das Segel, aus robustem Stoff und groß genug müsste es sein, gepflegt und ohne ausgedünnte Stellen, denn dort drohen Risse.

Die beständige Übung wäre der Wind der die Segel füllt. Ohne die Übung droht eine Flaute und man treibt ziellos vor sich hin. Das Boot ist das Fundament. Es sollte immer groß genug sein – aus edlem Holz mit einem starken Rumpf. Und trotz der Größe sollte es niemals träge werden.

Karate ist das Meer. Jeden Tag ist es ein wenig anders ... mal ruhig und klar, mal aufgewühlt und voller Wellen. Diese Wellen sind aber keine Hindernisse, sondern Herausforderungen, die den Segler in seinen Fähigkeiten wachsen lassen.

Der Segler sollte niemals die Weite des Meeres scheuen, denn befährt er flache und vermeintlich einfache Gewässer, droht er auf ein Riff zu laufen. Irgendwann segelt man vielleicht nicht mehr allein, sondern mit mehreren Leuten an Bord. Blicken sie alle in die selbe Richtung und arbeiten zusammen in Harmonie, dann beschleunigen sie das Schiff.

Wichtig ist, dass der Segler immer wieder einmal den Heimathafen anläuft, um die anderen Segler zu treffen, um sich mit Ihnen auszutauschen und einen Awamori zu trinken. 😉«


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Gedanken beim Abendausklang mit meiner Frau nach einem inspirierenden Taikai in Düsseldorf bei Sensei Joachim Laupp 9. Dan Hanshi.

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»... und denkt daran, setzt die Segel! Gute Heimfahrt! Danke für die Übung!«


Die Worte von Sensei klingen nach in meinen Ohren und während der Rückfahrt in die Heimat schweifen meine Gedanken kurz ab auf die Beschaffenheit von unserem Wagen: Viel Platz für vier Personen. Motorleistung ist mehr als ausreichend. Wir segeln viel denk ich mir. Manchmal mit der ganzen Familie. Vor kurzem warst Du mit einem großen Segler auf dem Weg nach Okinawa. Die gesamte Gruppe Karateka und unser Sensei, wir waren eine starke Mannschaft! ... als mich meine Frau ermahnt, es mit der Geschwindigkeit nicht zu übertreiben, kehren meine Gedanken zum hinter uns liegenden Taikai-Wochenende zurück. Der Abend taucht die Autobahn-Landschaft in die Nacht ein und wir lauschen zu viert einem Hörbuch.


Die Fahrt zur Übung nach Düsseldorf oder einem Taikai wie diesem ist für mich stets wie eine Reise zu einem »Tempel«. In seinem zen-buddhistischen Ursprung bezeichnet ein Dojo einen Ort des Erwachens und als eine Stätte der Meditation und Selbstfindung kam es auch zu einer erweiterterten Nutzung eines Dojo für japanische Kampfkünste.


Man trifft auf die Kampfkunst-Schwestern und Kampfkunst-Brüder, übt sich gemeinsam in der Kampfkunst und folgt den Unterweisungen unseres Sensei. Hier fühle ich mich frei, kann Energie tanken und meine Übung verfeinern. Je enger und präziser Sensei die Übung gestaltet, umso intensiver die Erfahrung und das Lernen. Beginnt der Körper nach zu geben oder lässt die Konzentration nach, reicht die Präsenz von Sensei, um sich zu straffen, sich neu zu fokusieren. Seine Körpersprache bekräftigt die Lektionen der technischen und geistigen Aspekte.


Der »Wind« an diesem Wochenende war kräftig und wir nahmen es mit allen Anforderungen des »Meeres« auf. Sensei brachte es mit dieser schönen Metapher auf den Punkt. »Setzt die Segel. Wir nutzen alle den selben Wind. Und das Hauptsegel steht für unsere Haltung.« Das der Karate-Gi aus gebürstetem Baumwoll-Segeltuch besteht passt ja jetzt ganz gut, gefällt mir. So wird es auch am eigenen Körper spürbar. Ich finde, ein Karate-Gi betont die innere und äußere Haltung auf eine ästhetische Art und Weise.


Sensei erinnerte uns daran, dass die Beherrschung der Grundlagen besonders für DAN-Träger von großer Wichtigkeit ist. Die grundlegenden Handgriffe an Bord müssen sitzen sonst ist die Fahrt mit der nächsten Welle vorbei. Übertragen auf die Karate-Praxis ist es nicht anders. Jede Partnerübung lebt von der Aufmerksamkeit der Übenden. Man sollte sich nicht überschätzen aber auch nicht nachlassen bis es zur Flaute kommt. Das bedeutet, gemeinsam Fahrt aufnehmen, zum Beispiel für den Flow, den Drill oder einer Demonstration im Kreise der anderen Karateka.


Sensei sprach auch darüber, durch die Übung der Kata sich selbst immer wieder neu zu erschaffen. Sich zu formen und zu stärken. Wenn die Haltung nachlässt ist die Kata die einzige Möglichkeit, an sich selbst zu schleifen bis die »richtige Haltung«, »das richtige Denken«, »das richtige Bewusstsein« wieder geschärft ist. Mit einer verbesserten »Haltung« kann auch das Wirken im Alltag wieder Fahrt aufnehmen. Wir strahlen ja bekanntlich aus was wir im Innern entstehen lassen.


Für mich ist neben Beweglichkeit, Kraft, Atmung, Schnelligkeit und Koordination auch die Verbindung zwischen den Odori-Tänzen, den Ahnen und den Kata ein spannendes Thema. Und mit Hilfe von Sensei Laupp kann man die Kata unserer Stilrichtung intensiv studieren und lernen zu »lesen«.


Meine persönliche Sicht: man kann den Kata nicht genug Zeit widmen ... ob mit oder ohne Waffen, man berührt mit der Zeit eine sprituelle Ebene und das lässt mich nicht los. Dabei steht ein »Anwendungs-bezogenes Denken« gar nicht mal so im Vordergrund. Geist und Körper lernen intuitiv. Das Prinzip einer Kata wirkt und entwickelt sich im Unterbewusstsein. Und sobald man über eine oberflächliche Anwendung nachdenkt, blockiert man diese Lern-Brücke zwischen Körper und Geist.


Ich mag den Flow, wenn ich das Gefühl habe, nicht mehr denken zu müssen.


Ich habe für diesen kleinen Rückblick auf das Taikai ein Bild ausgesucht, das viel von dem enthält was Sensei Laupp uns stets vermittelt. Als »Mudansha« steht man auf einer Steilküste. Man schaut über das weite Meer. Als Shodan tritt man dann in den Kreis der »Yudansha« ein. Die Füße bewegen sich vom Festland weg in das Meer und man steht nun knöcheltief im Wasser. Mit diesem Streben gibt man ein Versprechen ab. An die Budo-Gemeinschaft. Die Ahnen. An Sensei. Und manchmal bleibt ein Shodan zurück. Er holt sein großes Hauptsegel ein. Seine innere Haltung schwindet und der bis dahin glänzende Rumpf verblasst mit der Zeit vom Dauerliegen an der Pier.


DAN-Träger werden von den »Anfänger-Seglern« als Persönlichkeiten wahrgenommen. Es reicht nicht, nur in die »Rah« zu steigen. Ihr Können oder ihre Technik aber viel mehr ihre Haltung, Einstellung und Taten werden beobachtet und man möchte sich daran vergleichen. Die Verantwortung in der Gemeinschaft nimmt Gestalt an und doch vergessen sie, dass sie immer noch mit den Füßen im Wasser stehen. Endlich mal Brusttief einzutauchen, das Budo-Meer zu erfahren wird nicht mehr als Wichtig gesehen.


Als die Großmeister fragten, ob Sie die mit höheren DAN-Graden verbundene Verantwortung übernehmen möchten hatte keiner verneint. Sie haben vor der Maxime ein Versprechen gegeben – jeder von uns weiß das - und wir betonen es gern wenn es um Traditionen geht. Rückblickend auf das Taikai wünsche ich allen ein Bewusst-Werden: Wo beginnt die Tradition, wer bewahrt diese und wo wird jeder für sich selbst das Wesen des Budo in der Lehre unseres Lehrers Sensei Joachim Laupp verorten?


Vielleicht lehne ich mich gerade weit aus dem Fenster, es ist einfach eine Bitte und wahrlich kein Erhöhen über den Dingen. Lasst uns zusammen arbeiten, üben und wachsen im Sinne der Maxime von Sensei Miyahira und voller Tatendrang auf das was kommt schauen! Wir sind eine europäische Budo-Gemeinschaft und darauf können wir bauen!


Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

David Deinert